Herbst oder: Die grosse Sehnsucht

Es war einmal

 ein Morgen an dem ich teils von meiner Katze, teils von dem immer lauter werdenden Wecker zu meiner rechten unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich stelle den Wecker ab, rieb mir in den Augen und starrte für einige Zeit die Decke an – wie ich es jeden Morgen mache. Ja, eigentlich war es ein Morgen ganz und gar wie jeder andere: Es war früh, zu früh; ich hatte zu wenig geschlafen, die Katze war hungrig, das Geschirr vom Abend stand noch in der Spühle und ich wusste, dass mich ein Tag voller Arbeit erwarten würde. Und trotzdem war etwas anders. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen und gab es auch schnell auf. Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht, schlug die Decke zurück und stand auf. Es war kalt. Ich stellte mein Handy ein, legte es auf die Küchenanrichte, goss Wasser in den Wasserkocher und fütterte die Katze. Ich machte Tee. Ich duschte, wusch die Haare und versuchte mich daran zu erinnern was an dem Tag denn so anders war. Ich trank meinen Typhoo mit reichlich Milch und ohne Zucker, ass ein Stück Brot mit „Anke u Gonfi“ und überlegte mir ob ich flache Schuhe oder Pumps anziehen würde. Als ich meinen beigefarbenen Cord-Jupe, die dunkelbraunen Oxfords, die Bluse, den grünen Schal und den Blazer angezogen hatte, den Schlüssel gedreht und die Türe geöffnet hatte, wusste ich was anders war.



Das Licht.

Der Geruch.

Die Stimmung.

Es war Herbst! 10 lange Monate hatte ich drauf gewartet, morgens den Nebel von der Aare aufsteigen zu sehen, den unvergleichlichen (und gänzlich unbeschreiblichen) Geruch des Herbstes in meiner Nase zu spüren. Ich hatte darauf gewartet, dass die Sonne meine wunderschöne Stadt in diesem ganz bestimmten Winkel bescheint, der ihre Schönheit auf eine Weise hervorbringt, die jeder anderen Jahreszeit vergönnt ist. Ich hatte auf die Kälte gewartet, auf das wohlige Gefühl wenn man sich in Jacke und Schal vergraben kann. Ich hatte die Farben herbeigesehnt, die Stimmung… einfach alles.



Fast hätte ich angefangen zu weinen. Denn obwohl ich den Herbst über alles liebe und mir wünsche, dass er ewig währt, kommt mit ihm auch immer die grosse Sehnsucht. Nie vermisse ich England dermassen wie im Herbst. Nie werde ich so sentimental und verträumt und romantisch wie im Herbst. Nie kann ich mir besser vorstellen, hier alle und alles stehen und liegen zu lassen und irgendwo im Norden Englands ein neues Leben anzufangen. In den nass-kalten, satt-grünen, wunderschönen Yorkshire Dales zum Beispiel; oder in einem der rau-romantischen Nordenglischen Seebäder wie Scarborough oder Whitby. Ich würde einen völlig unterbezahlten, langweiligen Job annehmen und daneben nur schreiben, lesen, spazieren gehen, Leute kennelernen und verrückte Sachen tun. Es wäre mir egal, dass ich beruflich völlig unterfordert wäre, dass die meisten Menschen die ich liebe weit weg von mir in der Schweiz wären und dass ich in einem Land leben würde, das seine blühenden Zeiten weit hinter sich gelassen hatte. Ich wäre einfach nur glücklich!



Und dann schloss ich die Tür, drehte den Schlüssel und machte mich auf in einen wunderschönen Herbst in der Schweiz. Ich gehe meinem Job nach, den ich über alles liebe, sehe meine Freunde, die ich noch mehr liebe und mache mir keine Gedanken mehr darüber, dass ich woanders viel glücklicher wäre. Weil ich es nicht wäre, wahrscheinlich! Und weil der Herbst hier mindestens ebenso toll ist wie überall sonst!


Der Kochtopf

"Ein Benutzer hat angefragt, ob er die Räumlichkeiten der Bibliothek mit einem Kochtopf auf dem Kopf nutzen könne - er brauche dies für sein Wohlbefinden."
Das stand an einem normalen Montag Morgen in unserem Intranet. Strange!

Was könnte einen Menschen dazu veranlassen, einen Kochtopf auf dem Kopf tragen zu wollen? In einem Moment unbegrenzbarer Empathie habe ich versucht, mich in den Kopf dieses Menschen hinein zu versetzen (und ich weiss nie ob man hinein zuversetzen oder hinein zu versetzen oder gar hineinzuversetzen schreibt).

Ein Erklärungsversuch:


Ich fühlte mich ein wenig wie in einem schlechten Sci-Fi-Film als ich heute Morgen den Bus betrat. Mit wenigen Ausnahmen trugen alle einen polierten Kochtopf als Kopfbedeckung. Die Ausnahmen trugen Löchersiebe oder Bratpfannen und starrten mich ebenso befremdend an wie der grössere Teil an Kochtopfträgern.

Ich seufzte, höre in der Ferne einen Hund bellen und liess mich auf den einzigen noch freien Sitz fallen – das tut man doch normalerweise wenn man sich wie in einem Film fühlt, oder?

Das Gefühl hielt weiter an als ich am Bahnhof aus dem Bus stieg, den ansonsten blauen Himmel mit UFOs übersät sah und mich wunderte wieso ich die einzige war, die diese wahrzunehmen schien.

Erneut bellte ein Hund in der Ferne.

Ok, das ganze hört sich jetzt vielleicht an als wäre es etwas weit hergeholt und vielleicht habt ihr ja recht – vielleicht war der Wein vom Vorabend schuld. Oder den Wunsch Ewan McGregor aus Star Wars mal im wahren Leben zu treffen. Vielleicht hätte ich die kleinen, weissen Pillen nicht einwerfen sollen, die mir angeboten wurden und sowieso: Wer sagt eigentlich, dass die Weltbevölkerung nicht schon lange mit Pfannen auf dem Kopf rumläuft, UFOs unseren Himmel durchziehen und ich heute Morgen einfach das erste Mal darauf geachtet habe?

Auf der Suche nach Antworten begab ich mich in die städtische Bibliothek. Zu hunderten strömten kleine grüne Männchen durch deren Hauptpforte, warfen mir vernichtende Blicke zu und raunten sich gegenseitig „Haste die gesehen?“ zu.

Der bellende Hund schien näher gekommen zu sein.

Ich durchforstete die Strassen nach einer anderen Spezies meiner Art, kämpfte verzweifelt gegen das Verlangen mir einen Kochtopf zu besorgen und machte mich zum Gespött der ganzen Stadt. Schliesslich fand ich Unterschlupf in einer kleinen Bar an deren Tür ein Plakat mit einem rot durchgestrichenen Kochtopf prangte.

Das Hundegebell dröhnte mir in den Ohren als der Labrador hinter der Theke mich aufforderte das Lokal zu verlassen – oder mir das Löcherbecken auf den Kopf zu setzen das er mir entgegenstreckte.

Ich tat wie mir geheissen, verliess die schummerige Bar und befand mich bald in der brütend heissen Sonne, die sich auf den unzählig auf Glanz polierten Kochtöpfen um mich herum spiegelte.

„Für dich, meine Tochter!“ vernahm ich eine Stimme zu meiner Rechten, die mir einen alten Kochtopf entgegenstreckte. Matt und antriebslos setzte ich ihn mir auf.

Ein Hund bellte, doch ich spürte, dass es diesmal mein innerer Hund war, der dies tat.

Ich rannte so schnell ich konnte zurück zum Bahnhof, stieg in einen fremdartig aussehenden Bus, setzte mich auf den letzten freien Platz und liess meinen Blick durch das Fahrzeug schweifen.

„Haste die gesehen?“ raunte ein älterer Herr seiner Begleitung zu und wandte sich angewidert ab.

Ich war die einzige die einen Kochtopf auf dem Kopf trug. Und wisst ihr was? Es fühle sich verdammt gut an!