Melancholie oder: Warum wir alle manchmal ein bisschen leiden wollen


Hat nicht jeder von uns eine kleine masochistische Ader? Ein kleiner Teil des Ichs der leiden, weinen und vor Schmerz zergehen will?
Ich jedenfalls habe so einen Teil in mir. Manchmal will ich den ganzen Tag nur emotionsgeladene Coldplay-Songs zum Thema Herzschmerz hören, mich in einem Pyjama im Bett verkriechen und endlos einer vergangenen Liebe nachtrauern. So auch letztens:

Das mit dem Bett hat leider nicht geklappt, wohl aber der Teil mit der Musik und dem Nachtrauern. So sitze ich also schwermütig im Zug, meinen Kopf an die Lehne gekuschelt. Tränen steigen zu "The hardest part" in meine Augen, mein Blick schweift über die Ebene und seufzend trinke ich einen Schluck italienischen Mineralwassers.
"Prossima Fermata: Bellinzona".
Also habe ich noch ca. 2 Std. um mich meines selbstzerstörenden Selbstmitleids hinzugeben. Ach, wie schön! Ich strecke mich, lehne meinen Kopf an die kalte Scheibe und schliesse die Augen.

"For you I'd bleed myself dry."

"E libero guesto posto?" Ehm... Ja, klar! NEIN! Eigentlich nicht. Drei junge Tessiner im Alter zwischen 18 und 20 setzen sich zu mir ins Abteil. Ausser den übergrossen Sporttaschen mit den Aufschriften irgend eines Viertliga-Clubs haben sie folgende Gepäckstücke dabei:
- 1 Akkustische Gitarre
- 1 Elektrische Gitarre
- 3 Notebooktaschen
- 3 (sehr italienische) Männerhandtaschen
- 3 kleine Täschchen zum Umhängen
- jede Menge Zeitungen und Zeitschriften

Nebst meiner eigenen, grossen Chicoree-Tasche findet sich dies alles drei Sekunden später auf dem Boden zwischen unseren Füssen wieder. Desswegen und auch wegen des männlichen Drangs nach grosser Beinfreiheit beschränkt sich mein Platz innert Sekunden auf zwei Quadratmilimeter - oder so. Die Zeitungen und Zeitschriften landen auf dem mickrigen Zugtischchen auf meinem Buch und Handy, die Armlehne zu meiner Linken wird ungefragt hochgeklappt und meine linke Seit fortan von Maurizio, dem Wirtschaft studierenden jungen Herrn neben mir, malträtiert.
Ich beschliesse, dass mich das ganze nicht stört, dass ich doch nur still und einsam leiden will. So stelle ich die Musik lauter, kuschle mich näher ans Fenster und schliesse die Augen.

"And the strangest thing is ... "

Aprupter Musikstopp. Panik kommt in mir auf. Kann es sein? Voller Angst öffne ich die Augen, ergreiffe meien ipod und - ja, worst case ist eingetreten: Mein Akku ist leer. Ich seufze, Maurizio dreht sich zu mir, sieht mir tief in die Augen, lächelt und sagt: "Scusa, Du stehst auf meiner Tasche!"
Obwohl mein Italienisch ziemlich verstaubt ist, kann ich der nächsten Konversation ohne Mühe folgen: Frauen. Alkohol. Frauen. Alkohol. Fussball. Fussball. Fussball. Frauen. Alkohol. Auots.
Zugegeben: Jetzt leide ich WIRKLICH!
Später werde auch ich noch in ein Gespräch über Deutsch - und Italienischsprechende Schweizer einbezogen, aber bald schon dreht sich das Gespräch wieder um Frauen, wo ich natürlich nicht so mitreden kann.
Ich schliesse also wieder die Augen und beschliesse, halt ohne Musik zu leiden. Musste man ja schliesslich auch - früher, als man noch keine ipods hatte und es Coldplay noch nicht gab.
Allerdings werde ich ständig von Paolo gestört, dem Musik studierenden Herrn mir gegenüber. Die Folgen seiner Unfähigkeit sich stillzuhalten, wird wohl noch einige Wochen mit blauen Flecken auf meinem Schienbein sichtbar sein.
2.5 Stunden, ein schmerzendes Schienbein und sieben neue Erkenntnisse über das Sexualleben von Studenten später: endlich die Erlösende Durchsage: "Nächster Halt: Arth-Goldau". Wie von Zauberhand verstummen die drei Studenten, schauen alle zum Fenster hinaus und ich kann Musik aus dem ipod von Paolo hören: "And the hardest part is let it go, not taking part". Und wenn man ganz ganz tief in seine grossen blauen Augen schaut, kann man es erkennen: Ganz langsam füllen sie sich mit Tränen.

Ja: Müssen wir nicht alle manchmal ein bisschen leiden?

Heimat oder: Wieso ich vielleicht wirklich keine typische Oberländerin bin


Als eine gute Freundin letztens an meiner Oberländer Herkunft zweifelte und ich danach ernsthaft verletzt war, mache ich mir das erste Mal wirklich Gedanken darüber – wo oder was ist meine Heimat?! Deshalb wird mein heutiger Blog etwas anders als sonst, ernster vielleicht oder auch einfach nur nachdenklich...

Daheim – was ist das? Kann ich Bern mein daheim nennen wenn ich doch erst gerade einige Monate hier lebe? Bleibt Diemtigen auf immer mein daheim weil ich dort aufgewachsen bin? Ist England mein zweites daheim? Ist daheim einfach eine Adresse? Weidweg 35? Bateman Street? Dorfstrasse? Ist daheim ein Haus, eine Strasse, ein Weg? Ist es eine Stadt, ein Dorf, ein Weiler?
Ich denke daheim ist nichts von dem. Ich möchte nicht so weit gehen zu sagen, dass daheim ein Lebensgefühl ist. Aber was ist es dann?
Es gibt Leute die sagen, sie fühlen sich unterwegs daheim. Obwohl ich wahnsinnig gerne reise, andere Kulturen kennenlerne und neue Leute treffe, muss ich nach ehrlicher Prüfung zugestehen, dass ich nicht zu jenen kosmopoliten Menschen gehöre.
Andere fühlen sich ihrer Geburtsstadt oder dem Platz wo sie aufgewachsen sind in so besonderer Weise zugetan, dass sie diesen Platz gegen keinen auf der Welt tauschen würden, unter keinen Umständen. Nun, auch ich mag das Dorf wo ich aufgewachsen bin, ich kehre gern zurück, allerdings reicht mir da ein Tag oder zwei völlig aus. Niemals könnte ich mir vorstellen, mein Leben dort zu verbringen.
Und dann gibt es noch die Leute denen es eigentlich egal ist wo sie leben, die ihre Umwelt, ihre Umgebung mit der gleichen stoischen Einstellung wahrnehmen wie das Fernsehprogramm oder das Essen das ihnen auf den Tisch gestellt wird. Mit Sicherheit kann ich von mir behaupten nicht zu denen zu gehören.
Aber was  ist denn für mich DAHEIM?

Daheim ist für mich die gute Butter aus der Migros die gerade 50 Rappen teurer geworden ist, die gelben Schilder der Postzweigstellen und der Geruch von nassem Asphalt nach einem heissen Sommertag. Daheim ist für mich eine Packung Walker Crisps, die Stimme meiner Mutter und die tiefblaue, unergründliche Farbe des Thunersees nach einem Sturm. Daheim sind die Gespräche mit Claude und Sarina beim Chinesen, das allmorgendliche Eingeben des Passwortes in den Computer im Geschäft und die eintönige Melodie schweizer’ Mundartpops. Daheim ist jemand mit einem britischen Akzent zu hören, Tulpen im Frühling zu kaufen und das Schnurren meiner Katzen am Fussende des Bettes. Daheim ist ein Bier in einem Gartenrestaurant im Sommer, 19.30 – Tagesschau und das Bewusstsein dass morgen der Wecker um die gleiche Zeit läutet wie heute. Daheim ist das Englische Pub, die Gaststube im Emmental und das „In-Café“ das wir schon besuchten als es noch nicht „in“ war. Daheim ist mit meinen Eltern zu jassen, ein Sonntags-Cricket-Spiel im Park und die Gewissheit dieses Spiel nie zu begreifen.
Daheim ist alles und nichts! Daheim ist dann wenn etwas so normal ist, dass ich es nicht mehr wahrnehme. Daheim sind all die schönen Dinge die wir jeden Tag neu entdecken können. Daheim ist eine Lebenseinstellung – die Einstellung, dass man alles neu entdecken und neu schätzen will. Denn spätestens wenn es nicht mehr da ist, werden wir es vermissen und das gilt für die Pizza beim Italiener um die Ecke genauso wie für das mühselige Treppensteigen in den obersten Stock.

Anfügen muss ich noch folgendes: Letzens hat es wo so gerochen wie bei meiner Grossmutter zuhause, der Geruch ist scheusslich, ich will gar nicht wissen was für Gerüche zusammenkommen müssen damit es so riecht… Nichtsdestotrotz bin ich beinahe in Tränen ausgebrochen. Daheim ist also auch ein wenig Oma!